Das Ferienhaus

„Meine Kindheit war wunderschön!“, sagt Frau K.. Sie hat die Couch abgelehnt und sich für den Lehnsessel entschieden. Dort thront sie, kerzengerade, die schmalen Beine übereinandergeschlagen und fest zusammengepresst.

„Besaßen Ihre Eltern das Haus damals schon?“, fragt die Psychologin. Sie hat sich entspannt zurückgelehnt und hält den Notizblock locker zwischen den Fingern.

„Ja“, bestätigt Frau K. „Aber damals war es nur ein Ferienhaus. Meine Eltern sind erst nach Vaters Pensionierung dauerhaft an den See gezogen."

"Ich verstehe. Sind Sie früher gerne dort gewesen?" Die Therapeutin sieht das zögerliche Nicken ihrer Patientin und fragt gleich weiter: „Was hat Ihnen dort am besten gefallen? Als Kind, meine ich.“

Die Gefragte überlegt einen Moment.

„Die Freiheit, würde ich sagen. Ich fühlte mich irgendwie ... unbehelligt.“

‚Kein Lächeln’, notiert die Psychiaterin und blickt hoch, als Frau K. rasch anfügt:

„Nicht, dass ich mich sonst als eingesperrt empfunden hätte.“ Sie will offenbar keinen falschen Eindruck erwecken. Die Therapeutin lächelt verstehend.

„Ich nehme an, Sie konnten dort herumstreifen. Man lässt ja ein Kind in der Großstadt nicht so gerne alleine. Auf dem Land geht das schon.“

„Ja, richtig, das hab ich gemeint.“ Frau K. wirkt erleichtert.

„Trotzdem sind Sie in den letzten Jahren nicht oft dort gewesen, nicht wahr?“

Die Patientin bewegt die Beine, schlägt jetzt das rechte über das linke, hält sie aber nach wie vor fest zusammengepresst.

„Das war nicht so einfach. Zuerst das Studium, dann die Heirat. Wir hatten alle Hände voll zu tun, unser eigenes Leben aufzubauen, und Kiel ist halt ziemlich weit weg. Als dann Lilly kam war es einfacher, dass meine Eltern uns besuchen, als mit der ganzen Babyausrüstung durch die Republik zu reisen. Wie geht es Lilly? Kann ich sie sehen?“

„Sie ist in guten Händen“, beruhigt die Therapeutin, „Es geht ihr besser und inzwischen spricht sie auch wieder. Aber wir sollten uns erst einmal um Sie kümmern.“ Sie sieht den Schmerz im Blick ihrer Patientin durchaus, aber sie geht nicht darauf ein. „Dieser Tag, an dem Ihr Vater verschwand, das war das erste Mal seit...“, sie stockt und blättert in ihren Aufzeichnungen, „seit fast fünf Jahren, dass Sie Ihre Eltern besucht haben, ist das richtig?“

Frau K. nickt und ihr Blick wird dunkel.

„Und dann passiert gleich so etwas Schreckliches“, murmelt sie. „Wenn ich mich nur erinnern könnte, was geschehen ist! Vielleicht liegt er irgendwo und braucht Hilfe!“

„Ich denke, das können wir ausschließen“, meint die Ärztin beruhigend. „Die Polizei hat das ganze Gebiet gründlich abgesucht, abgesehen von dem See selbst. Hatten Sie früher schon Erinnerungslücken?“

Frau K. schüttelt energisch den Kopf.

„Nein, nie!“, versichert sie, wird dann aber unsicher. „Glaube ich zumindest. Aber merkt man das denn überhaupt? Kann man sich daran erinnern, dass man sich nicht erinnern kann?“

„Im Allgemeinen merkt man es spätestens durch die Reaktion des Umfeldes. In diesem Fall haben Sie es ja sogar selbst gemerkt. Sie erinnern sich, Ihre Tochter gesucht, aber nicht daran, sie gefunden zu haben. Ihre Erinnerung setzt erst wieder ein, als Sie mit ihr das Haus erreichten. Ist das richtig?“

Frau K. bestätigt das.

„Es ist schrecklich, wenn man sich nicht auf seine eigene Erinnerung verlassen kann.“ Sie blickt mit einer Mischung aus Unsicherheit und Furcht zu der Therapeutin herüber. „Wie passiert so etwas? Könnte es ein Tumor sein?“

„Ich denke nicht“, wehrt die Ärztin ab, „Das wäre ein äußerst ungewöhnliches Krankheitsbild. Nein, ich bin sicher, die Erinnerungen sind da. Wir müssen nur einen Weg finden, an sie heran zu kommen. Ich möchte, dass Sie die Augen schließen, und versuchen, sich das Haus bildlich vorzustellen. Können Sie es mir bitte beschreiben?“

Dieses Ansinnen scheint Frau K. nicht zu gefallen.

„Sie haben doch die Fotos, oder nicht?“

„Darum geht es nicht. Ich möchte, dass wir uns langsam dem Moment nähern, in dem Ihre Erinnerung erloschen ist. Vielleicht können wir gemeinsam über diesen Punkt hinausgehen.“

Nur zögernd schließt Frau K. die Augen und beginnt leise zu erzählen. Die Stimme der Therapeutin begleitet sie mit Fragen, fest und beruhigend. Sie beschreibt den Tag als warm und schwül. Ihre Mutter hat Waffeln gebacken, der Duft erfüllt die ganze Küche. Lilly, die Waffeln liebt, spielt draußen mit Nachbarskindern.

„Mein Vater wollte die Mädchen suchen gehen.“

„Das hat Sie beunruhigt?“

„Wieso?“ Frau K. blickt verständnislos auf, rutscht dabei unbehaglich in ihrem Sessel hin und her. „Warum meinen Sie das?“

„Weil Sie ihm später gefolgt sind. Befürchteten Sie, es könnte etwas passieren?“

„Nein. Ich dachte nur, dass wir sie so schneller finden.“

„Ich verstehe.“ Die Therapeutin nickt. „Bitte schließen Sie die Augen wieder, ja? Welchen Weg haben Sie eingeschlagen?“

„Den Trampelpfad zum See hinunter.“

„Warum gerade dort hin?“

„Ich weiß nicht.“ Frau K. zuckt die Schultern.

„Haben Sie selbst als Kind am liebsten am See gespielt?“

„Ich denke schon." Die Antwort kommt zögernd. "Wenn man schmutzig wird, kann man sich dort waschen.“

"Ich verstehe." Die Therapeutin mustert die Frau mit den geschlossenen Lidern. „Sie nahmen also den Weg zum See. Beschreiben Sie ihn mir. Ist er eng?“

„Eigentlich nicht“, sagt Frau K. „Da sind zuerst ein paar Holzstufen, danach nur Gras und Erde. Büsche auf beiden Seiten.“

„Hohe Büsche?“

Jetzt ein Nicken.

„Mannshoch. Brombeeren und später Wachholder. Die Blüten riechen wunderbar intensiv!“

„Ist Lilly bei den Wachholderbüschen? Oder Ihr Vater?“

„Nein. Sie sind nicht dort.“

„Gehen Sie bitte weiter, was kommt nach den Wachholderbüschen?“

„Ein Bootshaus. Altes Holz, aber gut gepflegt.“

„Ist dort jemand?“

Eine kurze Pause, denn eine leise Bestätigung.

„Ja. Vater. Er ist bei dem Bootshaus.“ Frau K. kneift die geschlossenen Augen noch fester zusammen, als könne sie so besser sehen.

„Liegt er am Boden?“

„Nein. Er ... er steht da. Ich sehe ihn.“ Die Stimme wird jetzt leise, so schwach, wie die verschleierte Erinnerung, die sie heraufbeschwört. Die Therapeutin macht sich eine kurze Notiz.

„Fällt Ihnen etwas Ungewöhnliches an ihm auf?“, fragt sie, während sie schreibt. „Krümmt er sich? Hat er Schmerzen?“

Die Frau dreht verneinend den Kopf zu Seite, die Augen noch immer geschlossen.

„Nein, er ... seine Hose.“

„Was ist mit seiner Hose?“

„Sie ... sitzt nicht richtig. Sie ist ... ich glaube, sie ist offen.“

„Hat er uriniert?“

Das Gesicht der Frau hellt sich auf.

„Ja“, sagt sie rasch und schlägt die Augen auf. „Er stand am Busch. Er hat sicher ...“, sie stockt, „was Sie sagten.“

„Bitte lassen Sie die Augen geschlossen.“

Folgsam senkt Frau K. die Lider.

„Warum erleichtert Sie dieser Gedanke?“

„Was?“

„Sie wirkten erleichtert, als Sie feststellten, dass er ausgetreten ist.“

„Ich ... ich weiß nicht.“ Die Frau zuckt unsicher die Schultern und die Therapeutin verfolgt den Punkt nicht weiter. Statt dessen fährt sie fort:

„Er steht also da, Sie sehen ihn. Sehen Sie ihn von der Seite?“

„Nein“, wieder ein vorsichtiges Kopfschütteln. „Er wendet mir den Rücken zu.“

„Hört er Sie kommen?“

„Nein, er ... ist beschäftigt.“

„Mit dem Urinieren.“

Eine zögernde Bestätigung.

„Was tun Sie? Sprechen Sie ihn an?“

„Ein Zweig knackt unter meinem Fuß.“

„Und er hört es.“

Die Augen der Frau öffnen sich, aber sie starren nur blicklos auf die gegenüberliegende Wand. Die Therapeutin greift nicht ein.

„Er hört es und er zuckt zusammen. Er dreht sich um.“

„Er dreht sich um“, wiederholt die Therapeutin. „Was sehen Sie?“

„Sein ...“, welches Wort auch immer sie sagen will, es kommt nicht heraus, statt dessen fährt sie fort: „... es hängt ihm aus der Hose.“

„Sein Geschlecht?“

Die Frau zuckt zusammen, dann nickte sie schaudernd.

„Er dreht sich also um. Sieht er Sie?“

Frau K. antwortet nicht direkt.

„Er ist erschrocken“, flüstert sie, „aber dann sieht er, dass ich es bin. Nur ich.“

„Nur Sie?“

„Es ist unser Geheimnis. Er sagt es. Er lächelt dabei. Unser Geheimnis.“

„Aber es weiß noch jemand, nicht wahr?“ Die Stimme der Therapeutin wird drängend. „Es ist noch jemand da. Sie sind nicht alleine, nicht wahr? Wen sehen Sie?“

Die Augen der Frau starren gläsern auf die Wand, aber sie sehen ganz offensichtlich weder das Regal, noch die Fachbücher darin. Sie sehen ein Gebüsch, sehen einen Mann mit loser Hose, sehen ...

„Oh Gott!“ Frau K. schlägt entsetzt die Hand vor den Mund. „Lilly ist da. Lilly steht vor ihm!“ Undeutlich dringen die Worte zwischen ihren Fingern hervor, aber die andere Frau versteht sie trotzdem.

„Was ist mit Lilly?“, fragt sie behutsam. „Was ist mit Ihrer Tochter?“

„Sie ... hat Angst. Sie weint. Er ... er hat ihr wehgetan.“ Tränen quellen Frau K. über die Wangen. „Er hat Lilly wehgetan.“ Sie schlägt die Hände vor die Augen, ihre Schultern beben, aber die Therapeutin treibt sie weiter.

„Da ist eine Schaufel, nicht wahr? Sie lehnt am Bootshaus.“ Ihre Stimme klingt intensiv und drängend, aber Frau K. ist noch nicht so weit.

„Ich habe gedacht, es würde aufhören“, schluchzt sie, „habe gedacht, er hätte sich geändert!“

„Aber er wird sich nie ändern, nicht wahr? Das wissen Sie jetzt.“ Die Therapeutin mustert das verborgene Gesicht. „Sehen Sie die Schaufel?“

Ein Nicken, begleitet von einem lauten Schluchzen.

„Was tun Sie?“

„Ja, da ist eine Schaufel. Ich greife danach.“

„Sie greifen danach“, wiederholt die Therapeutin. „Und was geschieht jetzt?“

Das Weinen verstummt. Einen Augenblick lang gibt es keinen Ton, keine Bewegung im Raum, dann sinken die Hände der Frau langsam herab, entblößen aufgerissene Augen. Ihr Mund öffnet sich, als ihr die entsetzliche Erkenntnis dämmert.

„Ich habe ihn umgebracht“, flüstert sie tonlos. „Ich habe meinen eigenen Vater erschlagen.“

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