Die Fremden

erschienen in „Endzeit“, Edition Leserunde, 2007

„Sie kamen in Schiffen, in riesigen Raumschiffen, die Schatten über unsere Städte warfen und die Welt in Dunkelheit tauchten. Sie kamen mit überlegenen Waffen und einer Technik, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Wir versuchten es dennoch. Wir kämpften – und wir starben. Sie warfen uns um Jahrhunderte zurück, zerstörten unsere Häuser, unsere Gesellschaft, unser Leben. Mit ganzen Kontinenten auf der Flucht blieb niemand mehr, der die Toten hätte begraben können. Massengräber klafften wie offene Wunden in verwilderten Äckern. Aasfresser vermehrten sich, strichen in Rudeln durch das Land.

Die Überlebenden versklavten sie, zwangen sie, den Mördern zu dienen. Wer sich widersetzte, verschuldete nicht den eigenen Tod – er musste zusehen, wie andere getötet wurden. Sie kannten alle Facetten der Grausamkeit, wussten zu quälen über das natürliche Maß hinaus. Sie folterten bis zum Tode, und dann riefen sie ihr Opfer ins Leben zurück, um es weiter missbrauchen zu können.

So beugten wir unsere Nacken und unsere Knie – doch niemals unsere Seelen. Wir verschlossen unseren Mund, unser Herz – doch niemals unsere Augen. Wir dienten – und wir lernten. Wir lernten die Grausamkeit, die kalte Berechnung, wir lernten die Wissenschaft und die Technik, die der unseren so überlegen war. Wir lernten zu warten.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Der Widerstand erstarkt, der Geist der zersplitterten Nationen vereinigt sich. Wir erheben uns und wir werden kämpfen ...“

 

„Sehr pathetisch!“

Simon zuckte zusammen, und die Tinte hinterließ einen unschönen Klecks auf dem Papier. Unwillig drehte er sich zu dem Mann um, dessen spöttisches Gesicht über seiner Schulter schwebte.

„Tebrim! Musst du dich immer so anschleichen?“

Der andere grinste.

„Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein schreckhafter Bücherwurm wie du in den Widerstand gehen konnte.“

„Es werden eben nicht nur dumpfe Schläger gebraucht“, entgegnete Simon säuerlich. „Und was treibt dich in die gefürchtete Nähe von Büchern?“

„Inara ist da – und sie hat einen der Fremden dabei!“

„Was?!“ Simon sprang auf. „Wie viele sind es?“

Tebrim lachte. „Nur einer, Simon, nur einer, mach dir nicht in die Hosen! Wir brauchen dich als Übersetzer!“

Die Sprache der Fremden war nicht geeignet für die Zungen der Opfer. Die Diener hatten gelernt zu verstehen, um gehorchen zu können,  aber nur wenigen gelang es, die merkwürdigen Laute verständlich nachzubilden. Simon war einer von ihnen.

Mit klopfendem Herzen folgte er dem bulligen Soldaten durch die Gänge ihrer unterirdischen Festung, und als er den Versammlungsraum betrat, sträubten sich ihm die Nackenhaare. In der Mitte des Raumes, gefesselt auf einem Stuhl, saß einer von DENEN, ein fremdartiges, erschreckendes Wesen, ein verhasster Feind.

Die Fremden waren riesig. Selbst ihre Frauen überragten Simon um mindestens eine Kopfeslänge. Ihre gelblich-weiße Haut war faltig und unbehaart, bis auf die langen Strähnen, die aus ihren Köpfen wuchsen. Sie waren hässlich – und dieses Individuum umso mehr, als es sich um einen alten, männlichen Vertreter seiner Gattung handelte.

Simon ballte die Fäuste, um sich selbst Mut zu machen. Dann atmete er tief ein und trat auf den Alten zu. „Ich spreche deine Sprache, Herr.“

Er biss sich auf die Lippen, aber das Wort war nicht zurückzunehmen. Sie hatten ihm diese Anrede eingeprügelt, hatten jede mangelnde Ehrerbietung mit Stromstößen durch seinen Halsring geahndet. Es saß zu tief.

Er nahm sich vor, weniger unterwürfig zu sein – immerhin war dies ein Verhör. Dieser Fremde war ein Gefangener, waffenlos und allein. Sie mussten ihn nicht mehr behandeln wie einen Herrn.

Langsam hob der Fremde den Kopf und sah Simon an, offensichtlich überrascht von dessen Sprachfähigkeit. Er öffnete den Mund und sagte langsam und mit bemühter Deutlichkeit: „Ich bin alt. Ich habe ein schwaches Herz. Ihr könnt mich foltern, aber ihr riskiert dabei, mich zu töten. Stattdessen biete ich euch meine Hilfe an.“

Simon war so perplex, dass er den Alten nur stumm anstarrte. Er brauchte einen Moment, um sich darüber klar zu werden, was die Worte bedeuteten. Schließlich fragte er: „Du bist bereit, deine eigene Rasse zu verraten? Weshalb?“

Der Alte zögerte mit der Antwort. „Weil es nicht richtig ist. Wir dürften nicht hier sein.“ Er schwieg, aber Simon wusste, er würde noch etwas sagen, also ließ er ihm Zeit. Schließlich blickte der Fremde hoch.

„Wir haben unsere eigene Welt zerstört, darum mussten wir sie verlassen. Wir flogen durch das All in einer Starre, die dem Tod sehr ähnlich war, bis die Systeme eure Welt fanden, und uns weckten. Eure Welt schien uns jung und unverbraucht, und sie war unsere einzige Hoffnung.“

In Simons Kopf schwirrte es. Diese wenigen Sätze enthielten so viele Antworten, nach denen sie immer wieder gesucht hatten. Wo kamen die Fremden her? Weshalb waren sie hier? Würden noch mehr von ihnen kommen?

„Ihr habt also eure eigene Welt zerstört“, wiederholte er bedächtig. „Und nun wollt ihr die unsere. Aber sie gehört euch nicht. Wir werden verhindern, dass ihr auch sie zerstört.“

Der Alte nickte. „Die Schiffe wurden mit den Besten von uns bestückt – den Klugen, den Reichen, den Mächtigen. Wir sind die Letzten unserer Welt.“ Er zögerte und eine unbestimmte Trauer trat in seinen Blick. Mehr wie zu sich selbst murmelte er: „Wenn wir nicht mehr sind, ist unsere Kultur vergangen, unsere Geschichte, unsere Literatur, unsere Musik. All das Schöne, das war, das Erhabene und Großartige, wird verschwunden sein.“

Simon konnte den Schmerz im Gesicht des Gefangenen erkennen und für einen Moment regte sich Mitleid in ihm. Er selbst kannte diesen Schmerz ebenfalls. Verschüttete Erkenntnisse der Wissenschaft konnten wieder entdeckt werden, aber ein vergessenes Lied war für immer verloren. Er hatte selbst Museen brennen sehen, hatte Gedichten in seinem Gehirn Zuflucht gewährt, bevor er die Bücher zurückließ. Mit der Erinnerung daran kam die Wut zurück. „Ebenso verschwinden werden der Schmerz und das Leid, das ihr gebracht habt.“

Der Fremde schien getroffen. „Vielleicht hat das künstliche Koma uns verändert“, sagte er. „Vielleicht aber sind wir tatsächlich so, wie ihr uns sehen müsst: böse, grausam, herrschsüchtig. Macht ist verführerisch – sehr verführerisch. Und hier hatten wir Macht. Jeder von uns konnte ein kleiner König werden.“ Er atmete tief ein und schüttelte den Kopf.

„Und nun willst du das ändern?“ Simon legte deutlichen Spott in seine Stimme. Konnte es wirklich sein, dass dieser Fremde anders war als der Rest seiner Rasse? Durften sie das glauben?

„Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, euch zu unterstützen.“

„Du bist ein Spion“, widersprach Simon. „Du willst verhindern, dass wir stark werden, denn du weißt, was dann geschähe.“

Der Fremde senkte den Kopf und nickte. „Ihr werdet keinen von uns am Leben lassen. Zu viel haben wir euch angetan, zu tief sitzt der Hass.“

„Das ist richtig.“ Simon versuchte, sich das Mitleid zu verbieten.

„Es tut mir leid, dass ihr nur die schwarzen Seiten unseres Wesens gesehen habt. Aber es gibt andere. Inara dient seit drei Jahren in meinem Haus, sie kann dir davon erzählen.“

„Das kann sie sicher“, gab Simon kalt zurück, „und sie wird sich hüten, etwas anderes zu tun, denn sie trägt noch immer den Sklavenring um den Hals.“

„Ich weiß, es ist schwer. Ich bitte euch, mir zu vertrauen, aber nach allem, was wir euch angetan haben, ist das nahezu unmöglich.“ 

Simon dachte einen Moment lang nach. Irgendetwas an dem Fremden berührte ihn. Aus den hellen Augen sprachen Ernst und Ehrlichkeit. Vielleicht war es die Nähe des Todes, die diesen Alten zur Einsicht geführt hatte. Simon  wollte vertrauen, wollte so gerne glauben, dass auch die Fremden nicht die Monster waren, als die sie sie kennen gelernt hatten. Dennoch: Er musste vorsichtig sein. „Vielleicht wird es einfacher, wenn du mir sagst, was dich dazu bewogen hat, dich gegen deine eigene Art zu wenden.“

Der Alte schien einen Moment überlegen zu müssen. „Es war Inara“, sagte er schließlich. „Sie spielt ein Instrument. Ich weiß nicht, wie ihr es nennt, aber es ähnelt einem Instrument von unserer Welt. Als ich sie hörte, wusste ich, dass wir kein Recht haben, hier zu sein.“

„Ein Instrument?“ Simon sah den Alten verständnislos an.

„Ein Zupfinstrument. Inara spielt es wunderbar. Sie ist eine Künstlerin.“ Der Fremde nickte, als wollte er seine eigene Aussage bekräftigen. „Als ich sie hörte, wurde mir klar: Wir dürfen nicht eure Kultur zerstören, um unsere zu erhalten. Wir hatten unsere Chance, unsere Welt. Dieses hier ist die eure.“ Er atmete tief ein, und der Ausdruck von Trauer auf seinem Gesicht verwandelte sich in Zuversicht. „Ihr werdet euren eignen Homer haben, euren Leonardo da Vinci, euren Mozart. Und vielleicht gelingt es eurer Rasse, die Fehler zu vermeiden, die wir Menschen begangen haben.“

Kommentare

Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Es sind noch keine Einträge vorhanden.