Im Café

erschienen in Naturkost-Kalender, bio verlag gmbh (Hrsg.), 2008

Das Café an der Ecke ist mein Stammcafé. Die abgeschabte Möblierung, die bunt zusammengewürfelten Stuhlkissen, die Teelichte auf den Tischen verbreiten schlichte Gemütlichkeit. Hier fühlt man sich noch bedient und nicht abgefertigt wie in den kühl-effizienten Bistros und Coffe-Shops. Es wird Fairtrade-Kaffee verkauft und selbstgebackener Streuselkuchen mit Bio-Äpfeln. Der Tee aus der indischen Dorfkommune ist zwar teuer, aber dafür wird ein gutes Gewissen mitserviert.

Ich komme täglich her, direkt nach der Arbeit, um auf meine Fahrgemeinschaft zu warten. Bei einer Tasse Earl Grey lasse ich die Büroereignisse Revue passieren und sortiere meine Gedanken für den nächsten Arbeitstag, bis Peters grüner Opel im Fenster aufblitzt und ich mit einem letzten, schnellen Schluck die Tasse leere.

Und jeden Tag sitzt sie ebenfalls da: die alte Dame.

 

Sie hat etwas Feines an sich. Meistens trägt sie ein völlig aus der Mode gekommenes Kostüm aus Wolle oder Waffel-Piqué, im Winter immer das gleiche Pelzkrägelchen dazu. Die dauergewellten Haare sind schneeweiß gebleicht mit einem zarten Lila-Stich, die Lippen sauber nachgezogen und die Augenbrauen zu schmalen Bögen gezupft. Sie passt so wenig in dieses alternative Café, wie eine silber-metallic Lackierung auf eine Citroen-Ente. Trotzdem sitzt sie hier – jeden Tag.

Wartet sie auf jemanden?

Zuerst dachte ich das, aber an Tagen, an denen Peter sich verspätet, habe ich sie aufstehen und alleine fortgehen sehen. Trotzdem wirkt sie wie eine Wartende. Sie hat kein Buch dabei, keine Zeitschrift. Immer wandert der Blick ihrer wässrig-grauen Augen durch das Fenster auf die Straße hinaus, beobachtet sie die Passanten durch die Gold umrahmten Brillengläser. Doch auf wen oder was immer sie wartet, er scheint sich zu verspäten.

Wartet sie auf eine Person? Auf ein Ereignis? Auf einen Gedanken? Wilde Phantasien spinnen sich in meinem Kopf zusammen.

 

„Vielleicht hat sie sich vor dem Krieg mit einem Liebhaber verabredet“, vermute ich auf der Heimfahrt. „Und er ist nicht zurückgekehrt. Trotzdem geht sie immer noch zu dem verabredeten Treffpunkt.“

„Du liest zu viele Schmonzetten“, lacht Peter.

„Aber es muss doch einen Grund geben, warum sie jeden Tag dort sitzt!“

„Vielleicht backt sie die Kuchen für das Café und bekommt dafür Frei-Tee“, schlägt er vor.

Männer sind so prosaisch!

 

Mir fällt auf, dass ich sie noch nie habe lächeln sehen. Ihre geschminkten Lippen sind von feinen Fältchen umkränzt, als habe sie sie zu oft missbilligend zusammengezogen. Doch sie wirkt nie missmutig. Sie beobachtet den Strom der Passanten mit ruhiger Aufmerksamkeit und behandelt die dread-lockige Bedienung höflich und freundlich. Trotzdem umgibt sie die abweisende Kühle eines feinen Menschen.

„Sie ist eine Heimatvertriebene aus ostdeutschem Adel“, teile ich Peter meine neuste Theorie mit, „und das Café erinnert sie an die Küche ihres Herrenhauses, wo sie als Kind mit dem Sohn des Gärtners die Streusel vom Kuchen stibitzt hat.“

„Du solltest Heftchenromane schreiben!“, schmunzelt er. „Warum fragst du sie nicht einfach?“

„Klar, ich geh zu ihr und frage: Was machen Sie eigentlich hier? Haben Sie nichts besseres zu tun?“

„Warum nicht?“ Er setzt den Blinker und schaut über die Schulter. „Die meisten Menschen reden gern über sich selbst.“

Typisch Peter!

 

Mein Earl Grey fällt unter die Kategorie „das Übliche“. Sie hingegen studiert die Teekarte jeden Abend intensiv, nimmt sich Zeit für die Auswahl ihres Getränkes. Dabei schiebt sie die Brille auf die Nasenspitze und runzelt die Stirn, als ob sie Klassenarbeiten korrigiert.

„Sie war Gouvernante“, bin ich ein paar Tage lang überzeugt. „Für eine Diplomatenfamilie, oder vielleicht sogar für einen Maharadscha mit einer Vorliebe für den Westen.“ Ich kann sie mir gut vorstellen mit einem bauschigen, hochgeschlossenen Kleid und hochfrisierten Haaren. Vermutlich verrutsche ich dabei etwas in den Jahrhunderten und irgendwie hat der Maharadscha in meiner Vorstellung eine frappierende Ähnlichkeit mit Yul Brynner, aber das tut meiner Überzeugung keinen Abbruch. „Die verschiedenen Teesorten erinnern sie an ihre Zeit in Indien.“

Peter schüttelt den Kopf.

„Wahrscheinlich ist sie bloß weitsichtig und hat Schwierigkeiten, die kleine Schrift zu entziffern.“

 

Ich frage mich, wie alt sie ist. So etwas einzuschätzen fällt mir schwer. Ich fange an, über das Altern nachzudenken.

Wie ist das, wenn man sich nicht mehr auf seinen Körper verlassen kann, wenn Schmerzen und Krankheiten ihn einschränken? Sie geht mühsam und langsam, auf einen Stock gestützt. Vielleicht ist dies das einzige Café, das sie von zu Hause aus noch erreichen kann.

Wie viele Sozialkontakte bleiben, wenn man keine Kollegen hat und die Freunde fortziehen oder wegsterben? Wie ist das, wenn man keine Aufgabe mehr im Leben hat, wenn man nur noch auf der Couch sitzt und auf seinen Tod wartet - da würde mir das Lächeln auch vergehen.

„Vielleicht will sie bloß nicht alleine zu Hause sein.“ Diese Theorie sollte Peter gefallen in ihrer Schlichtheit. „Im Café ist sie wenigstens unter Menschen.“

„Oder vielleicht überbrückt sie die freie Zeit zwischen Ikebana-Kurs und Häkel-Stunde. Nicht alle alten Leute sind einsam und lethargisch.“

Er kann aber auch nichts stehen lassen!

 

Heute hat Peter einen Auswärtstermin. Ich werde also die U-Bahn, die S-Bahn, den Zug und den Bus benutzen müssen und die doppelte Zeit für den Heimweg brauchen. Trotzdem, auf meinen abendlichen Earl Grey möchte ich nicht verzichten.

Natürlich sitzt sie wieder in der Ecke und obwohl Tische frei sind, gehe ich direkt zu ihr hinüber.

„Darf ich?“, frage ich und deute auf den Stuhl ihr gegenüber. Sie blickte erstaunt hoch. Dann, plötzlich, verschwinden die Falten an ihren Lippen und erscheinen um ihre Augen.

„Gern“, sagt sie, und lächelt.

Kommentare

Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Es sind noch keine Einträge vorhanden.