Sonntagsarbeit

Wie einsam und verlassen das Büro sonntags war!

Gerhard Munk sah sich unbehaglich im leeren Foyer um, während er auf den Aufzug wartete. Nicht einmal der Empfang war besetzt. Das war auch unnötig, denn nur mit der Company-Card oder vom Empfangspult aus ließ sich die elektrische Tür öffnen. Auf diese Weise konnte man einen Wachmann für das Wochenende einsparen.

Munk starrte auf die blinkenden Lichter, die das Pult mit einer Aura von Bedeutsamkeit umgaben. Dann zuckte er unwillkürlich zusammen, als sich mit leisem Scharren die Aufzugtür öffnete.

 

In der vertrauten Umgebung seiner Abteilung war die Verlassenheit noch stärker zu spüren. Während er an den Zimmern der Kollegen vorbei ging, kam ihm das Wort ‚ausgestorben’ in den Sinn.

Die aufgeräumten Schreibtische wirkten in ihrer sterilen Unpersönlichkeit geradezu tot. Auf anderen türmte sich Unerledigtes, hier und da stand noch eine Tasse mit dem Kaffeerest vom Freitag zwischen den Papieren – als hätte ein grausames Schicksal den Mitarbeiter unvermittelt von der Arbeit fortgerissen. So, wie im letzten Winter den Buchhalter Weiß, den man Montags morgens im Foyer gefunden hatte – Herzinfarkt. Ziemlich genau ein Jahr lag das zurück und Munk erinnerte sich mit einem Schaudern daran, wie die Sanitäter ein Laken über das verzerrte Gesicht gedeckt hatten, dachte an die toten Augen, in denen deutlich ein Ausdruck von Verzweiflung und Grauen zu erkennen gewesen war. Ein schrecklicher Tod, ohne Hilfe und ganz alleine in einem riesigen, menschenleeren Bürogebäude.

„Die Arbeit hat ihn erdrückt“, hatte eine Kollegin gesagt. Ja, so fühlte er sich auch manchmal: eingesperrt, gefangen, als würge der unbarmherzige Fron ihm Luft ab. Insbesondere zu Zeiten, wie diesen, an denen er am Sonntag – am heiligen Sonntag, wie seine Großmutter zu betonen pflegte – ins Büro kommen musste.

 

Er wünschte, er hätte ein Radio gehabt, mit dem er die unheimliche Stille übertönen konnte. Nicht einmal von draußen drangen Geräusche in das Gebäude, denn das Industriegebiet lag am Rande der Stadt, und vor Munks Fenster lauerten winterlich graue Äcker. Während er arbeitete, krochen Nebelschwaden über die Felder, schlichen flüsternd über den leeren Parkplatz und verdichteten sich vor dem Gebäude. Langsam wurde die Scheibe blind wie Milchglas, undurchsichtig und undurchdringlich. Als Munk sich nach Stunden die brennenden Augen rieb und zum Fenster hinüber sah, war da nur noch eine weiße Wand.

Munk streckte sich und rollte die schmerzenden Schultern. Es wurde Zeit für einen Kaffee! Müde rieb er über sein Gesicht und schlurfte dann den Gang hinunter zur Küche.

Es war ungewohnt, dass die Feuertüre geschlossen war. Normalerweise klemmte der überempfindliche Kollege von nebenan ein zusammengefaltetes Papier darunter, damit sie nicht nach jedem Passanten ins Schloss fiel. Im Laufe des Wochenendes hatte der Halt nachgegeben, und die Tür hatte sich beinahe, wenn auch nicht ganz, geschlossen.

Munk schwang sie auf, kickte das Papier zur Seite und ließ sie hinter seinem Rücken demonstrativ ins Schloss fallen. Als er das laute Scheppern hörte, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Die Company Card!

Er wirbelte herum und sah das rötlich blinkende Licht am Türschloss. Alle Türen im Haus waren gesichert. Nur mit der Company Card kam man von einer Abteilung in die andere, und diese Karte lag auf seinem Schreibtisch, zusammen mit seinem Mantel, dem Autoschlüssel und allem anderen!

"So ein Mist!", murmelte Munk. Wie kam er jetzt wieder an seine Sachen? Wie kam er in sein Büro zurück? Und wie sollte er nach Hause kommen?

Er sah sich um und überlegte. Es gab sicher eine Möglichkeit, das Gebäude zu verlassen, doch dann würde er frierend auf dem Parkplatz stehen. Hier waren überall Telefone. Er konnte ein Taxi bestellen, aber was half das – ohne Geld und Wohnungsschlüssel?

Einen Kollegen anrufen? Das wäre die einfachste Lösung, die freilich einen Mitarbeiter um seinen Feierabend bringen und ihn, Munk, für ein halbes Jahr zum Spott der Abteilung machen würde. Vielleicht war er ja nicht der einzige, der sonntags etwas im Büro zu erledigen hatte.

„Hallo?!“, rief er aufs Geratewohl, aber der Klang seiner einsamen Stimme in den leeren Gängen war doch zu unheimlich. Betont leise ging er den Gang entlang bis zur nächsten Tür, durch deren dickes Glas er die Aufzüge erkennen konnte. Hinaus kam man ohne Karte, nur nicht hinein. Für den Rückweg würde er die Tür irgendwie offen halten müssen.

Aus dem nächstgelegenen Büro holte er ein Papier und faltete es mehrfach, klemmte es unter den Türschlitz und rüttelte ein paar Mal, um sicher zu gehen, dass es halten würde. Dann trat er in den Vorraum hinaus.

Fünf Türen führten von der Halle ab, und er versuchte jede davon. Das Treppenhaus war zugänglich, würde ihn aber ohne Karte nur auf den leeren Parkplatz entlassen. Alle anderen Türen waren verschlossen. Er hämmerte mit der Faust dagegen, in der Hoffnung, einen anderen Wochenendarbeiter auf sich aufmerksam zu machen – vergeblich. Schließlich kam er zu seiner Tür zurück – und unvermittelt wurde ihm kalt.

Die Tür war geschlossen. Das rote Auge des Sicherheitssystems blinkte ihm höhnisch entgegen.

Er drückte die Klinke nach unten, rüttelte daran, nichts geschah.

Wie konnte das sein? Er hatte den Vorraum nicht verlassen! Er hätte es hören müssen, wenn die schwere Tür ins Schloss gefallen wäre. Aber er hatte nichts gehört.

Und wo war das Papier? Er legte die Hände gegen das Glas und spähte in den Gang. Nichts. Klemmte es noch im Spalt? Seine Finger tasteten ins Leere.

Offenbar trieb jemand ein makaberes Spiel mit ihm. Er sah sich um, spähte noch einmal in den Gang hinein. „Hallo?“, rief er wieder, und der Klang fing sich in dem kahlen Raum, hallte durch die Tür des Treppenhauses spottend zurück zu ihm. Munk fröstelte.

Jetzt blieb ihm eine letzte Möglichkeit: mit dem Aufzug ins Foyer hinunter und ein Taxi rufen. Dann musste er nur noch herausfinden, wie man die elektronische Haupttür bediente.

Der Aufzug öffnete sich sofort, als hätte er darauf gewartet, dass er gerufen wurde. Zögernd betrat Munk das enge Gelass und hätte fast aufgeschrieen, als die Türen ihn einmauerten. Wie würgende Hände legte sich die Angst um seinen Hals, presste seinen Brustkorb zusammen. Was, wenn sich auch diese Türen nicht mehr für ihn öffneten? Hätte er doch das Treppenhaus genommen! Er starrte auf die Etagenanzeige. Drei - zwei – eins – Erdgeschoss. Mit leisem Knirschen schoben sich die Türen auseinander und Munk atmete auf, trat mit weichen Beinen eilig aus dem Aufzug.

Das Foyer war hell, mit großen Fenstern, die normalerweise einen weiten Blick gewährten. Aber heute schlossen ihn sogar diese Fenster ein. Der Nebel war so dicht, dass es aussah, als hätte jemand die Scheiben von außen mit weißer Farbe gestrichen. Munk hatte das Gefühl, nach Luft ringen zu müssen. Er atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe. Jetzt erst einmal zum Pult und ein Taxi bestellt. Wenn er erst ein anderes menschliches Wesen hörte, würden diese ungreifbaren Ängste verschwinden.

 

Das Telefon war tot: kein hausinterner Signalton. Er wählte probehalber die Null – kein Amt. Ein paar mal legte er den Hörer auf und hob ihn wieder an sein Ohr, dann gab er es auf. Verzweifelt sah er sich um, musterte die Fenster, die ihn wie Wände einschlossen. Sein Blick fiel auf das Kontrollpult für die elektronische Tür. Die Lichter waren erloschen. Er betätigte einige, ohne zu wissen, wofür sie dienten. Nichts geschah. Nicht einmal ein Ton, kein Summen, kein Piepen. Stromausfall?

Munk sah sich nach dem Lichtschalter um, als ihm etwas bewusst wurde, was ihm längst hätte auffallen müssen.

Es war Winter. Und es war nach Sieben. Es hätte draußen längst dunkel sein müssen. Stattdessen leuchtete der Nebel vor den Fenstern in diffusem, gleichmäßigem Weiß. Wie war das möglich? Die Lampen auf dem Parkplatz konnten die Fenster unmöglich so gleichmäßig ausleuchten.

Munk drehte sich um sich selbst, musterte ein Fenster nach dem anderen. Überall dasselbe, monotone Leuchten, überall dieselbe helle Undurchdringlichkeit.

Er spürte, wie ihm übel wurde, wie sich die Angst in seinem Magen zu einem kalten Knäuel verdichtete. Er musste hier raus. Ohne Mantel, ohne Karte, ohne Schlüssel, das war alles egal. Er würde zur Hauptstraße laufen können. Er würde den Schlüsseldienst bestellen. Nur raus hier, raus aus diesem Gefängnis! Aber wie?

Er klemmte seine Finger in den Türspalt und zerrte an dem Glas. Er betätigte den Notknopf, schlug gegen die Tür. Nichts half. Er fühlte Tränen aufsteigen, begann unwillkürlich zu wimmern. Die Fenster!

Es waren fest verfugte Scheiben, nicht dazu gedacht, geöffnet zu werden. Seine Hände tasteten zitternd über das kalte, weiß leuchtende Material. Es war nur Glas! Glas konnte zerspringen! Glas konnte zerschlagen werden!

Er würde Alarm auslösen, aber das war ihm inzwischen gleichgültig. Es gab keinen anderen Weg. Er würde hier nicht bleiben!

Er nahm einen Besucherstuhl und schleuderte ihn gegen das milchige Fenster. Das Glas splitterte.

 

Aber es splitterte falsch. Es fiel nach innen. Auch der Stuhl war in den Raum zurückgefallen. Kein Alarm ertönte. Kein kalter Luftzug wehte ihn an.

Munk starrte die Kanten des zerbrochenen Fensters an. Strahlend weiß und leuchtend stand der Nebel vor ihm, noch immer scharf abgegrenzt, wie eine Wand. Widerstrebend streckte Munk die Hand danach aus, langsam, zögernd, bis seine Finger etwas berührten, das ihn bis ins Mark erschaudern ließ: eine feste, glatte, undurchdringliche Oberfläche.

Kommentare

Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Es sind noch keine Einträge vorhanden.